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Mauerfall und Wiedervereinigung – 30 Jahre danach

In diesen Tagen und Wochen haben wir in den ostdeutschen Bundesländern wieder allen Grund und Anlass, über die ohne Gewalt errungene deutsche Einheit vor 30 Jahren nachzudenken. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass Mauerfall und deutsche Einheit ohne einen Krieg zwischen beiden deutschen Staaten möglich war. Wir haben Freiheit und Demokratie gewonnen, eine weltweit anerkannte Währung erhalten und deutliche Verbesserungen bei Waren und Dienstleistungen erfahren. Dennoch sagen wir heute, dass es durchaus gut gewesen wäre, wenn die Politik Dinge und Erfahrungen, die in der DDR besser waren als im westlichen Teil unseres Vaterlandes, übernommen hätte. Nur 60 Prozent des Einigungsvertrages sind bisher umgesetzt. Wenn solche einfachen Dinge, wie Gleichstellung der Geschlechter, Polikliniken, Berufsausbildung mit Abitur, Qualifikationsanerkennungen u.a. für ganz Deutschland übernommen worden wären, hätte sich auch das Selbstbewusstsein der Menschen in den neuen Bundesländern gesteigert. Auch die Westdeutschen hätten erleben können, dass durch das Hinzukommen der „neuen“ Bundesbürger sich deren Lebensqualität zum Besseren gewendet hat. Sprachlos und wütend macht jedoch die ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger, dass noch immer keine gleiche Rente für dieselbe Arbeits- und Lebensleistung gewährt wird und auch noch kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit in gleicher Arbeitszeit gewährt wird. Hierfür gibt es wirklich keinerlei rechtfertigenden Argumente. 40 Jahre Leben in der DDR prägten nicht nur ältere Menschen, selbst auf die junge Generation färben die Erfahrungen ab. Gewiss war die DDR eine Diktatur und so wie sie war, musste sie scheitern. Das ändert aber nichts daran, dass Millionen Menschen hier ein Leben mit Fleiß und Einsatzbereitschaft geführt haben, für dass sie sich nun wirklich nicht dauernd rechtfertigen müssen. Immer deutlicher wird das Gefühl, dass sich viele Sachsen, Thüringer, Sachsen-Anhalter, Berlin-Brandenburger und Mecklenburger teilweise als Menschen dritter Klasse sehen. Hinzu kommen die sozialen Ängste, die teilweise sehr massiv sind.

Als Sozialverband Deutschland fordern wir von allen demokratischen Parteien, Medien, Kirchen, Gewerkschaften und Verbänden, sich zusammenzufinden und alles zu tun, gemeinsam mit der Bundesregierung und den Landesregierungen notwendige Schlussfolgerungen zu einer vollständigen Einheit Deutschlands zeitnah umzusetzen und damit das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger nicht weiter zu enttäuschen.

In dieser bewegten Zeit gilt es, mehr Toleranz zu üben, Zuzuhören und Solidaritätsgefühl zu beweisen.

 

Joachim Heinrich

Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses

Landesverband Mitteldeutschland